Wut auf Sokrates

Oh ja, ich kann mich noch gut, sehr gut an sie erinnern; an sie, diese unbezähmbare Wut, diese rasende Wut auf Sokrates.

Ich hatte mir doch gerade mein Leben zurückerobert, wie mir schien. Und niemandem wollte ich jemals wieder Rechenschaft über mein Leben, mein Denken, Tun und Handeln abliefern müssen. Außer mir selbst vielleicht. Aber auch das nur – niemals weil es ein anderer von mir gefordert hätte – sondern höchstens, wenn ich mir selbst gegenüber das so haben wollte. Ich hatte mir mein Leben „zurückerobert“ und wollte nur noch mir und meiner Leidenschaft dienen, mich selbst verwirklichen.

Welch hohe Worte, welch hohes Ziel! Und natürlich wollte ich gierig alles wissen, was es Lust-versprechend zu wissen gab und studierte deshalb neben manch anderem auch Philosophie.

Und dann begegnete ich diesem Sokrates. Anfangs empfand ich das ja sehr erbaulich, zu erfahren, dass die alten Griechen ja gar nicht so heilig und lustlos gelebt hatten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Und dann beeindruckte mich auch zutiefst, wie mutig dieser Sokrates seinem Ende entgegen geblickt hatte. Und so war ich von diesem Sokrates schon ziemlich angetan und glaubte in ihm einen vorbildhaften, radikalen Mentor eines lustvollen Lebens gefunden zu haben. Und mit dieser Ansicht stand ich auch gar nicht alleine, und so verbrachte ich angenehme Stunden in ungetrübter Selbstherrlichkeit.

Und dann lernte ich diesen Sokrates langsam, ganz allmählich, genauer kennen …

Michael Gutmann
Berlin

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