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Philosophische Praxis: Das wirkliche Zuhören (wie Momo)


Wirkliches Zuhören

Das wirkliche Zuhören scheint so einfach und selbstverständlich. Es ist, wie das ehrliche Gespräch, so unaufdringlich und so unauffällig – und ebenfalls so selten: Das wirkliche Zuhören. Und wenn ich von einem "Wirklichen Zuhören" spreche, dann meine ich damit nicht (nur) die konzentrierte Zur-Kenntnis-Nahme von Fakten oder Tatsachen, sondern vielmehr die Leistung, die ich einem anderen Menschen durch das wirkliche Zuhören anbiete: Es ermöglicht dem Erzählenden nicht nur, seine Eindrücke zu teilen; es ermöglicht dem Erzählenden vielmehr, aus einzelnen bunten Gedanken-Fragmenten eine geschlossene, sinnvolle Geschichte, seine eigene Geschichte zu erschaffen, es ermöglicht dem Erzählenden, wie von Zauberhand neue Ideen zu entwickeln, es ermöglicht dem Erzählenden ein ganz anderes Selbstbild zu erschaffen, das wirkliche Zuhören ermöglicht dem Erzählenden ... ganz plötzlich auf einmal viel weniger belastet und "neu" zu sein

Zuhören können wie Momo

Wenn Sie das wirkliche Zuhören genau so sehr schätzen wie ich, dann kennen Sie sicherlich auch den philosophischen Märchen-Roman "Momo" von Michael Ende. Und wenn nicht, dann steht Ihnen mit dem kennenlernen von Momo vielleicht noch eine freudige Begegnung bevor. Ebenso wie all den anderen Roman-Figuren und auch echten Menschen, die das Mädchen Momo kennen und schätzen lernten.

"Aber warum schätzen die Menschen die kleine Momo so sehr?" fragt auch Michael Ende. Sie war weder so klug, dass sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte, sie konnte auch nicht besonders schön singen oder tanzen, sie konnte auch keine Zauberkunststücke vorführen noch den Menschen aus der Hand lesen und die Zukunft voraussagen. Nein. "Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war Zuhören." (Das steht im zweiten Kapitel des Buches "Momo", falls Sie es nachlesen möchten.)

Momo konnte so gut zuhören, dass in dem anderen, der ihr etwas erzählte, plötzlich "Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hätte, dass sie in ihm steckten." Momo konnte sogar so gut zuhören, "dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden." Das Beste aber war: Wenn jemand glaubte, sein Leben sei ganz nutzlos und sinnlos und er sei so bedeutungslos und ersetzbar "wie ein kaputter Topf"; wenn er das alles der kleinen Momo erzählte, "dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genau so wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war." So gut konnte Momo zuhören.


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Dem aufmerksamen, wirklichen Zuhören wohnt in der Tat ein ganz besonderer Zauber inne. Deshalb bin ich auch sehr bemüht, mich so gut es geht in dieser Kunst des Zuhörens zu entwickeln; und ich glaube, ich bin schon ziemlich gut darin geworden. Oder vielleicht war ich auch schon immer ein sehr guter Zuhörer; zumindest wird mir das nachgesagt und ich nehme dieses Kompliment gerne an.

Vor längerer Zeit schrieb ich in meinem Blog:

Das ehrliche, das wirkliche Zuhören; ist es eher eine Kunst oder eher ein Zauber? - Vielleicht beides.

Wenn wir dazu bereit sind, einem Menschen ehrlich und ohne eigene Absichten zuzuhören, so gewähren wir diesem Menschen damit in Würde die Möglichkeit, sich ein klares und vielleicht neues Weltbild, sich eine klare und vielleicht neue, bessere Welt zu erschaffen.

Wir gewähren diesem Menschen damit die Möglichkeit, seine Gefühle zu erkennen und gedanklich zu fassen, seine Gedanken zu ordnen, in eine klare verständliche Form zu bringen, sich selbst zu erkennen und selbst zu verstehen, neue, bessere Wege zu finden, zu erkennen und zu beschreiten.

 


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